Die Rückschreibreform
Zwei Monate nach Aufkommen der neuen Diskussion und sechs Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform hat die Kultusministerkonferenz im Oktober 2004 endlich einen Entschluss gefasst: Sie bildet einen Rat, der die Entwicklung der Rechtschreibung beobachten soll. Jetzt schon.
Schlappe sechs Jahre nach Bekanntgabe der Reform kommen die Jungs von der Kultusministerkonferenz also auf die Idee, die Konsequenzen ihrer Beschlüsse überhaupt auch nur zu beachten. Das Ziel dieses Ausschusses ist es, "möglichst vor dem 1. August 2005" (laut n-tv.de vom 14.10.04www) einige der Kritikpunkte an der Rechtschreibreform zu prüfen. Weiter auf n-tv:
Das Expertengremium soll die Entwicklung der Rechtschreibung nach der Reform weiter beobachten und auch Änderungsvorschläge machen. Wie die KMK-Präsidentin Doris Ahnen (SPD/Rheinland-Pfalz) [...] mitteilte, sei das Expertengremium auch als Angebot an die Reformgegner zu verstehen, bei der Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung künftig mitzuarbeiten. "Nach dem heftigen Streit um die Reform ist jetzt eine Versachlichung der Debatte erstes Ziel." Es gebe in der Bildungspolitik wie in der gesamten Gesellschaft "wichtigere Probleme." Sie sei zuversichtlich, dass der Rat zur Lösung der besonders strittigen Problemfälle alsbald Vorschläge machen werde.
Natürlich gibt es wichtigere Probleme, aber warum kommt dieser Rat erst jetzt? Warum nicht schon vor der Reform, oder zumindest beim Auftauchen der ersten Kritik? Wenn man Probleme nicht löst, sondern liegen lässt, wird schon von selbst ein wichtigeres Problem entstehen, sodass man das alte nicht mehr lösen muss? Seltsame Taktik. Ist das Politik?
Der einzige Beschluss, den diese mysteriöse Versammlung in sechs Jahren geschafft hat, ist also, einen Rat einzusetzen, der mal schauen soll, was er rät, und das vermutlich sogar erst nach dem Zeitpunkt schaffen wird, den die KMK damals als Stichtag geraten, äh, beschlossen hat. Da wächst das Verständis für Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, der aus lauter Verzweifelung keine andere Lösung mehr weiß, als laut polternd den Kreis dieser Joghurtgehirne zu verlassen. Aus Spiegel Online vom 5.10.04www:
Dabei gibt [...] Wulff Rätsel auf: Das Gremium zerschlagen oder reformieren, die Länder schwächen, stärken oder nur sich selbst in Szene setzen – was will der CDU-Mann wirklich?
Bereits letzte Woche hatte Wulff mit seiner Ausstiegsdrohung heftige Turbulenzen ausgelöst. Er kritisierte das Gremium als zu teuer, zu bürokratisch und zu wenig innovativ. Sie sei eine "verstaubte Einrichtung", bisherige Reformbemühungen seien weitgehend erfolglos geblieben. Ein Generalangriff also – und nicht der erste. Seit vielen Jahren gibt es immer wieder harte Kritik an der KMK, in der die Minister aus 16 Bundesländern sich auf gemeinsame Standpunkte einigen müssen und oft erst nach zähen, langwierigen Diskussionen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden.
Immerhin gilt die KMK seit jeher als einer der Sandsäcke der Bildungspolitik, als eines jener Ziele also, auf die man risikofrei eindreschen kann – wie etwa auch die ähnlich unbeliebte Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). "Jeder, der hier zu Lande etwas auf sich hält, darf einmal im Leben die Abschaffung der KMK fordern", sagte zum Beispiel Baden-Württembergs Bildungsministerin Annette Schavan, als sie 2001 zur KMK-Präsidentschaft antrat.

Bei aller Verständnis für die Kritik an den neuen Regeln habe ich allerdings nicht verstanden, was genau an der alten Rechtschreibung so erhaltenswert erscheint. Wieso soll genau dieser alte Stand der Rechtschreibung gut sein, nur weil ein paar Verbesserungsvorschläge der Reform schlecht sind? Wollen wir jetzt auch Kohl zurück, nur weil Schröder nicht alle Versprechen hält? Oder direkt Adenauer oder Napoleon oder Cäsar oder wer sonst noch so alles hier mal irgendwas gemacht hat? Zurück zu DOS 1.0, weil der Internet Explorer so viele Bugs hat. Wieder Pferde reiten, weil die Fahrzeugindustrie so viele Rückrufaktionen starten. Titanic ("das Satiremagazin") hats genau richtig gemacht und kehrt zurück zur gantz, gantz alten Rechtschreybungwww. Oder direkt Latein, Griechisch oder Grunzlaute. Ugaaga!
Oftmals gehören durch die Rechtschreibreform zerstörte Redewendungen zu den Kritikpunkten. Man könne ein Paar jetzt nicht mehr als frischgebacken bezeichnen, sondern müsste frisch gebacken schreiben, was natürlich nur auf Brötchen und vielleicht ekelig zynisch für Brandbombenopfer passt, aber kaum auf Ehepaare. Aber der Umschreibung frisch gebacken haftet kein bisschen Frische mehr an, sondern sie gehört aufs Altenteil der Schriftsprache, egal ob sie zusammen oder auseinander geschrieben ist. Denn auch zusammengeschrieben zieht das Wort den gleichen langweiligen, seit Jahrzehnten nicht mehr originellen Vergleich heran.
Tatsächlich fallen durch die Rechtschreibreform einige Ausdrucksmöglichkeiten weg, aber dann müssen wir die entsprechenden Sachverhalte anders ausdrücken. Wenn die Verständlichkeit eines Textes daran hängt, wie vertraut der Leser mit den alten Regeln der Getrenntschreibung ist, mag es da nicht auch einfach sein, dass der Text schlecht ist? Mit der neuen Rechtschreibung steigt die Verständlichkeit, genau weil die Autoren sich an diesen Stellen Gedanken machen müssen. Autoren sind zwar in ihre Formulierungen verliebt, aber doch nicht in solche einfachen Konstrukte. Da wäre man doch eher verblendet als verliebt. Jeder halbwegs anständige Schreiberling findet doch eine Umschreibung, eine andere Formulierung. Mehrere Wege führen zum Textziel, und wie kleinlich wäre man, den Verlust dieser paar schlechten Umschreibungen ernsthaft zu bedauern.
In einem Spiegel von 2004, der mir nur als Printausgabe vorliegt, stellt sich Günter Grass auf die Seite der Reformgegner. Er sagt ja nun wirklich überwiegend hörenswerte Dinge, aber das Prinzip, von zwei Übeln das Ältere zu wählen anstatt nach einer Lösung zu suchen, leuchtet mir nicht ein.
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2.9.06: Obwohl der Text noch nicht komplett fertig ist, habe ich ihn in eine halbwegs lesenswerte Form umgebaut und werden ihn nicht weiter bearbeiten.