Schreibhemmung I
Wieso steht hier so wenig, obwohl in meinem Kopf so viel umherschwirrt?
Ein echter Autor will ich werden, mit echten Büchern voll von unechten Geschichten. Jetzt schreibe ich echte Geschichten, bin ein halber Redakteur, aber unechter Autor. Ein halber Redakteur deswegen, weil zu einem echten Redakteur eine etwas solidere Ausbildung gehört, als mein Verlag sie mir während des Volontariats bieten konnte. Politik, Germanistik, Geschichte, das bildet den Grundstock des echten Journalisten, alternativ mögen auch ein paar Semester technische Redaktion das didaktische Verständnis schulen oder ein paar Prinzipien des schreiberischen Handwerks vermitteln.
All das zog an mir vorbei; mein Gefühl für Sätze entstand eher dem eigenen Verständnis, während meine ersten Veröffentlichungen sich auf Diskussionsforen im Fidonet, Usenet, Compuserve und ähnliche beschränkten. Diese Medien bieten kaum verwertbares Feedback: Die Mehrzahl der Kommentare beziehen sich auf die (oft technischen) Inhalte und lassen die Form völlig außer Acht. Didaktisch wirken die Kommentare nur indirekt: Wenn jemand was falsch oder gar nicht verstanden hat, antwortet er in derben Worten oder mit einer wirren Gegentheorie, deren Irsinn es erst zu ergründen gilt. Erst danach lassen die Antworten einen Rückschluss auf die Qualität der eigenen Ausführungen zu. Daher geriet ich fast zwangsläufig in einen eher mir selbst zugewendeten Rede- und Schreibfluß, den ich gerade mal versuche, meinem eigenen Verständis und Gefühl für Rhythmus und Sprachgefühl anzupassen.
Ich weiche vom Thema ab: Schreibhemmungen.
Eigentlich schreibe ich gerne und habe viel Spaß daran, meine Gedanken in diesen persönlichen Sprachrhythmus einzubetten. Die Routine wächst auch beständig, sodass die mir gefällig wirkenden Formen immer schneller unter meinen Fingern entstehen.
Eine wichtige Ursache dafür, dass dennoch sehr wenig an außerberuflichen Texten existiert, ist natürlich die Arbeitsbelastung. Die oft recht drögen Produktbeschreibungen erfordern eine Menge Ideen, um daraus halbwegs interessante Artikel zu formen. Somit saugt die Arbeit viel von der notwendigen Kreativität auf. Abends finde ich einfach oft zu wenig Energie, um noch interessante Geistesblitze zu produzieren. Der Kopf ist leer.
Doch ein weiterer Grund blubberte heute an die Oberfläche meiner Gedankensuppe: Unsicherheit. Ich will gefälligen Text schreiben, an dem die Leserschaft Spaß hat. Während der Stil mir langsam immer besser gefällt, bereitet der Inhalt weiterhin Sorgen. Auf der Arbeit flüchte ich mich in einen möglichst unangreifbaren Objektivismus: Die Artikel bestehen aus Testergebnisse, Vergleichen und klaren Resultaten. Doch die Unsicherheit schreibt mit: Vor deutlichen Empfehlungen scheue ich zurück und begründe das mit der Vielschichtigkeit der Anwendungsgebiete der Geräte. Mir fällt keine Möglichkeit ein, eine allgemeingültige Bewertung für die Testgeräte aufzustellen. Oft wäre das Finden eines Geräts mit möglichst vielen positiven Eigenschaften noch leicht, auch wenn bei wachsender Zahl und insbesondere unter Berücksichtigung des Preises auch das immer schwerer fällt. Doch für mich unlösbare Schwierigkeiten bereiten die Verlierer. Habe ich die Geräte umfassend genug getestet? Habe ich die Bedürfnisse der vom Hersteller angepeilten Zielgruppfe genügend untersucht und mit den Geräteeigenschaften verglichen? Diese Unsicherheit lauert ständig beim Testen und Schreiben, doch im Beruf bewirkt sie eher Positives, beispielsweise wachsen Sorgfalt und Genauigkeit sowie das Verständnis für unterschiedliche Zielgruppen.
Bei Geschichten ohne faktischen Hintergrund und auch beim Schreiben dieser teilweise sehr persönlichen Seiten stört die Unsicherheit jedoch mehr. Ich will nicht, dass die Leser den Inhalt oder die Form nicht mögen und daraufhin mir ihre Sympathie entziehen. Ich will nicht unter vermeintlich schlechten Texten leiden. Doch genau dieser Mut wäre notwendig. Im Beruf haben oft diejenigen Artikel die meiste Anerkennung eingebracht, in denen ich sehr konträre Meinungen aufgegriffen und klare Standpunkte eingenommen habe. Auch die Ablehnung mag wachsen, und selbst das bietet einen Vorteil: Je mehr sich die Leser über meine Texte ärgern, desto eher teilen sie mir das mit, desto mehr Feedback bekomme ich also. Diese Unsicherheit muss ich also ablegen, sie darf nicht zu Schreibhemmungen führen.
Weitere Gründe für Schreibhemmungen fallen mir mit Sicherheit auch ein. Das leitet direkt zum nächsten Thema über, den Entschuldigungen vor sich selbst. Eine davon lasse ich jetzt gelten: Müdigkeit.