Roger Willemsen: Deutschlandreise
Roger Willemsen beobachtet Zufälliges, beschreibt es betrachtend, erklärt es nur selten – und scheint sich nirgendwo auf seiner Reise wohl zu fühlen.
Roger Willemsen reist durch Deutschland und beschreibt zufällige Ereignisse, Bekanntschaften und Situationen mit viel Scharfblick, ein wenig Nachbohren und vor allem faszinierender Sprache. Gerade als Selbstschreibender genoß ich die Frische vieler Formulierungen, die vielleicht manchmal etwas übertriebenen, aber meist sehr treffenden Bilder. Stellenweise liest sich die Deutschlandreise etwas mühselig, weil die Sprachkomposition über der Verständlichkeit zu stehen scheint, aber da bin ich als Gebrauchsprosaist vielleicht auch ein wenig verdorben. Mit ein wenig Kopfeinschalten bleibt nur wenig unverständlich, ein wenig nerven vielleicht die paar lateinischen und französischen Zitate – ich baue doch auch kein Assembler oder C-Code in meine Texte ein. Seltsam nur, dass Latein, Französisch und ähnliches als gebildet gelten und einen Text aufwerten, wohingegen das Einstreuen von Fachbegriffen der Computertechnik den Autor als fetten, sich von Chips und Cola ernährenden, von sozialen Kontakten abgeschnittenen, außenseiterischen Freak entlarven. Dabei hat Willemsen selbst doch so schöne Einsichten wie:
Doch warum gelten bei all dem Unrat, den Werbung in die Landschaft gießt, Graffiti immer noch als Schmierereien?
Viele Beobachtungen sind auf keine spezielle Region Deutschlands beschränkt. Winkende Menschen gibt es überall:
Homo Salutans, der Grüß-Mensch ist erwacht. Er winkt, weil das seine Existenz ist, weil er ein winkendes Leben führt und nur so winkend auf die Schönheit des eigenen Lebens und sein Recht auf massenhafte Vervielfältigung aufmerksam machen kann.
Welche Galerien, Museen und Vernissagen er besuchte, spielt keine Rolle:
Aber eigentlich lassen sich beide Thesen gleich gut vertreten: Es gibt nichts Wichtiges in der Kunst, und es gibt nichts Wichtigeres als die Kunst. Eine Ausstellung jedenfalls besteht aus einer spezifischen Menge Publikum, die, angezogen von einem bestimmten Versprechen [...] eine bestimmte Haltung zu Gegenständen einnimmt, die man für Kunst hält, zu solcher erklärt oder in denen man sie vermutet. Das eigentliche Kunstwerk – er weiß es nur nicht – ist aber der Mensch in seinem Verhalten zum Objekt, das er für ein Kunstwerk hält.
Gut zugehört lässt er einen Dozenten sprechen:
"Kunst ist ein vereitelter Kommunikationsversuch. Wäre er nicht vereitelt, wäre er Journalismus, Pop, Massenkultur."
Manchmal scheint er aber das Auftreten zweier Beobachtungen am gleichen Ort damit zu verwechseln, dass sie eine gemeinsame Bedeutung haben müssen. Vor einer Kirche bemerkt er:
Solltest Du allerdings doch Ehe brechen oder gar Deinen Nächsten weniger lieben als Dich selbst, lässt sich das eventuell noch verschmerzen. Unbefugt abgestellte Fahrzeuge dagegen werden unverzüglich kostenpflichtig abgeschleppt.
Treffend bemerkt, ein guter Lacher, aber wo niemand einen gemeinsamen Zweck beabsichtigt hat, wirkt dessen Fehlen eigentlich als wenig erwähnens- oder gar bedauernswert. Viele Episoden wirken derart willkürlich, dass die Nennung des Ortes, an dem er sie erlebt hat, schon fast stört und der Episode eine regionale Farbe ohne wirklich regionale Bedeutung gibt. Gerade wenn er wie oben fehlendene Zusammenhänge zweier Beobachtungen kritisiert, hätte er diesen Episoden auch einen Zusammenhang geben sollen, oder hätte den Ortsbezug weglassen sollen.
Er zitiert aus Musil (sagt mir nichts, Google fand dann Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, eine Biographiewww, eine ausführliche Auseinandersetzung mit seiner Arbeitwww und den Anfang des Romanswww mit u.g. Stelle, die übrigens lesenswert weiter geht), hätte das Zitat aber an den Anfang des Buches stellen sollen:
"Die Überschätzung der Frage, wo man sich befindet, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken musste."
Doch als Vorwort wählte er das von ihm russisches Sprichwort betitelte er lügt wie ein Augenzeuge, was mich natürlich an meinen Lieblingsspruch erinnert...
So bleibt es oft schwierig, ihm zu folgen, insbesondere weil das Buch mit durchaus nur lokal gültigen Eindrücken beginnt und damit die Erwartung weckt, es würde so weitergehen. Die ersten Episoden spielen in den neuen Bundesländern und handeln hauptsächlich davon, wie wenig ein Zusammenwachsen der ehemals zwei deutschen Staaten zu einem gelungen ist.
In der Frühe [...] warteten vielleicht 40 Pendler in der kleinen Bahnhofshalle [...], als die Tür geräuschvoll auffliegt, vier Skinheads eintraten, mit großem Selbstbewußtsein. [...] Niemand blickt ihnen in die Augen. [...] Was bleibt den Leuten zwischen Historie ihrer Stadtarchitektur und der Geschichte zweier Systeme, als diese scheue, geduckte Ausweichen von den historischen Kräften, die immer ein bisschen für das Volk und ein bisschen dagegen gearbeitet haben, aber vor allem immer selbstsicherer waren als dieses.
Nicht spöttisch oder mahnend fasst er diese Themen an, eher resignierend. Und distanziert.
Der Ostbürger erfuhr in diesem Spektakel sein eigenes Dilemma. Hielt er sich an Goethe, der die Persönlichkeit als Resultat der Geschichte verstand, dann hatte er keine Persönlichkeit mehr. Hielt er sich an die Ideen des alten Staates, dann stand er mit einem Mal außerhalb der kausalen Welt. Hielt er sich an die Reformer, fand er sich bald in Kreons tragischer Pose "Das habe ich nicht gewollt." Hielt er sich an die Ideen des neuen Staates, war er wenig mehr als Ausschuss.
Die Distanz bleibt, war sie anfangs für mich (als Wessi) noch ein wenig nachvollziehbar, drang er aber auch später nicht weiter in die Menschen ein, die er beobachtete. Seine Gespräche bleiben oft oberflächliche Momentaufnahmen. Er versucht, Klischees aufzudecken, aber verfällt manchmal selbst Verallgemeinerungen, wenn auch auf einer durchaus amüsanten Ebene (als Nicht-Bayer):
Vermutlich würde es den Menschen das Sprechen über ihr Land erleichtern, wenn sie sich alle als Heimatvertriebene erkennen wollten, davongejagt aus künstlichen Paradiesen. Von der Heimat lohnt es sich nur zu sprechen als von einem Mangel, dem Inbegriff des Verlorenen. Nur die Bayern verstehen ihre Heimat als etwas Objektives und Unpersönliches. Wahrscheinlich sind sie das einzige Volk, das sich wünscht, seinem Klischee ähnlich zu bleiben, und je fadenscheiniger die Klischees werden, desto selbstbewußter muss man sie vortragen. [...] Der enge Horizont ist eine Lebensform, deshalb verwandelt der Bayer alles ins Beschauliche, und auch die Tracht ist keine Kleidung, in der man sich schnell bewegt.
Am Ende des Buchs scheint Willemsen nirgends angekommen zu sein, es bleibt nur seine distanzierte Resignation übrig. Sollte er sich gar zu den Exilierten zählen?
Diese Exilierten streifen ihre Herkunft nicht ab, aber sie bilden auch keine Nation, sondern Monaden [leibnizsche Monadenwww, eine Art soziale Quanten] innerhalb einer Gemeinschaft von Flüchtigen, Asylanten, Dissidenten, Entkommenen. Alle fremd, alle gezeichnet von Verlusten, bilden sie eine dritte Nation, werden zu Patrioten des Auslands, einer Gemeinschaft, die [...] repräsentiert wird [...] durch die gemeinsame Erfahrung der Fremde, des geteilten Identifikationsverlusts. Wenn sie sich zusammenschließen, dann zu Gruppen, in denen das Nationale allenfalls negativ erhalten ist, als Phantomschmerz, als Abstand und Widerwillen, aus Gegenwart und Geschichte eines geographischen Fleckens eine Identität zu beziehen. [...] In diesem Verhalten ist so viel verschmähte Liebe wie Überhebung in der eigenen Tapferkeit.
Aber nein, er bleibt ja in Deutschland. Willemsen versucht einen seltsamen Spagat zwischen objektiver Berichterstattung und Kommentierung, die den Leser – naja, mich jedenfalls – ratlos zurück lässt. Allenfalls zwei Punkte nehme ich mit:
1. Bei all seiner allgemeinen Nörgelei und Selbstverliebtheit in einige spezielle Ansichten stimmt versöhnlich, dass er gerade nicht verrät, wo, was und wie es ihm gefällt, sondern dass er konsequent nölt. Alles andere wäre lächerlich. Er zwingt damit jedem Leser die schwierige Aufgabe auf, sich trotz (oder gerade wegen) geöffneter und (selbst-)kritikfähiger Augen ein akzeptables Umfeld für sich selbst zu schaffen. Jeder muss sich mit seiner zwangsläufig unzulänglichen Umgebung selbst arrangieren.
2. Die persönlich durchziebare Lösung liefert er indirekt sogar mit: Er spaziert durch Deutschland wie durch einen Zoo, er betrachtet Ossis, Bayern oder Pornodarsteller wie Tiere in Freigehegen und füttert sie mit harmlosen Fragen wie Enten im Park mit altem Brot. Genau das darf nicht passieren: Reden ist der Schlüssel, das Überwinden von Distanz, die Beschäftigung statt die Begaffung des Gegenübers. Dass Willemsen das in seinem Buch nicht gelingt, kann man ihm nicht vorwerfen, denn es heißt ja Deutschlandreise und soll daher gar nicht mehr sein als genau das, was es ist: eine distanzierte, durchaus lesenswerte Beobachtung.