7. Oktober 05

Dredg: Leitmotiv (2001) und El Cielo (2002)

Kennt kein Mensch, die Stimme gefällt einigen Kumpels nicht, aber trotzdem geile Musik... heißt sowas Alternative Rock?

Cover - Leitmotif (2001)
Leitmotiv (2001)
Cover - El Cielo (2002)
El Cielo (2002)

Von den CDs war ich beim ersten Hören etwas enttäuscht, hatten mir doch die Tauschbörsen schon die wichtigen Songs geliefert. Die fehlenden Songs waren weitgehend überflüssig.

Dredg entpuppte sich im hinteren Drittel beider CDs als das, was ich eine Jingle-Band nenne: Die Parts zwischen den Songs werden länger und sind mit Fetzen von Gesprächen oder Geräuschen gefüllt, die eher dem Hörspiel-Metier entnommen sind. Einige Instrumentalpassagen wirken arg uninspiriert und heißen dann "reprise" oder "Teil 2" - mich erinnern sie an ein Werbe-Jingle, mehr nicht. Mit diesem Effekt nerven beispielsweise Pearl Jam auf der Vitalogy oder Type'O'Negative auf einigen Platten. Auch die Walking on a thin Line von Guano Apes wandert auf diesem schmalen Grat und rutscht manchmal zur falschen Seite ab. Bei solchen Platten bleiben mir eher die blödsinnigen und langweiligen Parts zwischen den Stücken in Erinnerung als die Stücke selbst.

Vielleicht soll ein Konzept dahinter stecken. Doch ein Konzeptalbum kann auch komplett in Songs erzählt werden, wie Eloy und viele andere gezeigt haben. Selbst wenn die Spezialeffekte notwendig erscheinen, müssen sie nicht zwingend penetrant sein. So gelingt es beispielsweise Queensryche auf Empire und Operation Mindcrime vorzüglich, diesen Laberkrams einzusetzen, ohne die musikalische Qualität zu mindern. An Floyds Wall kommt eh niemand ran, obwohl sich diese Story bisher noch quasi niemandem erschlossen hat...

Doch auch da verstehe ich nicht, wieso die nicht einfach einen Song beenden, eine kurze Pause machen und dann den nächsten starten? Wenn ich eine Story will, lese ich ein Buch oder gehe ins Kino, aber wenn ich eine Platte anwerfe, will ich Musik hören und kein Gelaber, zumindest nicht so viel Gelaber, dass es die Musik stört. Pink Floyd war schon vor 30 Jahren hart an der Grenze des erträglichen. Ich war nur auf einem Konzert (leider, die späte Phase in den 90ern, die Momentary-Lapse-Of-Reason-Tour glaube ich), doch das hatte mich nur angeödet: Dauernd flogen Schweine, Betten und Hubschrauber durch die Halle, und auf der Bühne lief irgendein Film, nur langweiliger als im Kino und in schlechterer Qualität. Auch haben die schon fast alles an Effekten gebracht: Das Radio am Anfang von Wish you were here war 1975 originell, doch schon bei Marillions Debut Script for a Jesters Tear wirkte es geklaut, und selbst das ist mittlerweile 20 Jahre her.

Vielleicht müssen sich die Effekte auch wiederholen. Den alten Kram aus meiner Kindheit kennt vielleicht die nächste Generation von Hörern genauso wenig wie mir die Bands der 60er oder gar die Klassik vertraut ist. Sollten wir also eher dankbar sein, dass immerhin sich die modernen Musiker noch die alten Helden anhören?

Aber ich schweife ab.

Auch die beiden Platten von Dredg bieten also zwischen den Songs viel, was mir eher wie Füllmaterial denn wie interessante Musik vorkommt, schlimmer bei der El Cielo, bei der Leitmotif einigermaßen erträglich. Zudem findet sich bei Leitmotif diese Unart, die zu Hause noch ganz lustig kommt: Der letzte Song hört auf, doch die CD läuft weiter. Dann kommen viele Minuten Stille, die dann (meist plötzlich) in einen weiteren Song (meist eher mäßiger Originalität) übergehen, bei dem sich alle erschrecken, weil sie vergessen haben, dass noch Musik eingeschaltet ist. Leitmotif spielt damit praktisch nur rund 37 Minuten. Während sowas wie die Ernie/Bert-Geschichte bei Jazzkantine noch lustig kommt, nervt diese Stille vor allem im Auto. Ich habe mir keinen CD-Wechsler gekauft, damit er Ruhe gibt, sondern damit er Musik spielt. Für die Momente der Stille gibt es den Ausschalter, aber nicht den letzten Song einer CD. Naja, aber notfalls hat man sich da ja schnell eine Auto-Version gebrannt, zumindest solange die CD nicht kopiergeschützt... aber ich schweife schon wieder ab...

Insgesamt gilt dennoch: Die Qualität der Songs macht die Längen der beiden Scheiben von Dredg dicke wett. Die Songs klingen ungewohnt, kreativ, abwechslungsreich, komplex. Nennt es Alternative Rock, Emo oder Prog-Rock des neuen Jahrtausends, oder vielleicht auch Crossover aus bisher nicht so oft gekreuzten Stilrichtungen, es ist einfach nur spannend. Wer auf komplizierten Rock abseits des Mainstream steht und dabei ein paar Längen sowie eine gewöhnungsbedürftige Stimme (ein paar Freunde fanden sie gräßlich...) in Kauf nimmt, sollte sich Dredg mal antun.

18.4.03: erste Fassung
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18.4.03: erste Fassung
7.10.05: in Einzelartikel aufgeteilt
Dredg:
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