Matrix 3 - Revolutions
Die Lösung: Ist sie erlösend, auflösend oder unlösbar?
Der dritte Teil hat mich wieder einige Biere und Nerven gekostet. Der Anfang des Films schleudert die Zuschauer sofort in die Handlung hinein, ideal für ein Double oder Triple Feature – oder für einen Zusammenschnitt vom zweiten und dritten Teil.

Danach beginnt ein Haufen unterhaltsamer Action, hauptsächlich um die letzte Stadt der Menschen. Leider überwiegt hierbei die Pullover-Ästhetik der Endzeitfilme wie Mad Max, immerhin nicht ganz so aufgesetzt wirkend wie die (über)flüssige Version Waterworld. Die Matrix-Besuche im Lack-Leder-Style des ersten Teils wurden spärlicher und zudem eher von pseudo-esoterischem Geblubber gefüllt als mit Handlung oder Action. Wer wann warum wohingeht und wen wieso trifft, erschien mir immer mehr willkürlich als in einer schlüssigen Handlung begründet. Die Logik musste sich der Dramaturgie unterwerfen, oder sie war zu wirr/uninteressant für mich. Auf halbrealen U-Bahnhöfen steht ein indisches Programm-Ehepaar mit seiner Tochter (ein Unterprogramm?) herum, dieser Merowinger lässt sich von an der Decke laufenden Unterprogrammen schützen, das Orakel erzählt seltsame Dinge; alles bunte, interessante und actiongeladene Puzzleteile, doch sie passen nicht zusammen.
Die eigentliche Schlüsselszene habe ich verpasst, weil ich dringend ein paar Bier wieder loswerden musste. Der letzte Kampf zwischen Smith und Neo würde sehr lange dauern, dachte ich, sodass ich schnell ein wenig pinkeln könnte. Blöderweise konnte ich nicht in den Kinosaal zurückzukehren, weil die Türen nur von innen zu öffnen waren, nicht von außen. Die Bediensteten hinter der Theke hatten es nicht besonders eilig, ihren Kollegen mit dem Schlüssel anzurufen, und der hatte anfangs überhaupt nicht verstanden, worum es ging. Zu einer Entschuldigung sah sich dann auch niemand berufen, selbst als ich mit wachsend schlechter Laune meinen Unmut über die Unverschämtheit äußerte, nach einem Klogang fast 10 Minuten auf einen Angestellten warten zu müssen, der den Gast wieder ins Kino zurück lässt. In Cinestar-Kinos darf man demnach während des Films zwar pinkeln gehen, hat dann aber große Probleme, den Film weiter zu sehen. Auch den Getränke- und Knabberei-Nachschub während des Films verhindern die Betreiber mit dieser seltsamen Taktik. Also: Auf den Boden strullen, einhalten, nichts nachkaufen – oder die Kinos der Konkurrenz besuchen. Mich sieht das Cinestar in Leipzig jedenfalls nie wieder.
(Wer den Film noch nicht kennt, sollte jetzt übrigens aufhören zu lesen...)

Neo hätte sich entscheiden müssen, ob er stirbt und seine Freunde rettet oder lebt, haben mir meine Freunde später (unter schadenfrohem Gelächter) erzählt.
Womit wir bei den Antworten wären...bei den Antworten auf die ganzen Fragen im ersten und zweiten Teil, die Antworten auf die Frage nach dem Sinn des ganzen. Und bei der neuen Frage: Was bleibt dem Zuschauer?
Es gibt also keine zweite Ebene der Matrix, sondern Neo kann auch die echte Welt beeinflussen. Ansich doch ganz lustig: Anfangs wird das Irreale, Okkulte und Unerklärliche unserer Welt durch die Matrix erklärt: Die Matrix ist eine Simulation, in der die Naturwissenschaften nicht gelten und sich selbstverständlich aushebeln lassen. Doch dann dreht sich die Geschichte um. In der realen, nicht simulierten Welt taucht plötzlich ein Mensch auf, dem die Naturgesetze nichts zu bedeuten scheinen. Zudem werden die Maschinen nicht mehr mit sich selber fertig, sondern benötigen die Hilfe genau dieses Menschen. Er soll ein paar Programme löschen, was die Maschinen selber nicht mehr schaffen – warum auch immer.

Aber eine versöhnliche Lösung bietet das Ende nicht: Der Mensch triumphiert nämlich doch nicht über die Maschine, sondern die Welt bleibt weiterhin in den Händen der Roboter samt schwebendem, bestacheltem Ober-Kopf. Die Menschen müssen trotz ihres scheinbaren Siegs weiter in einem dreckigen, zerbombten Loch tief in der Erde wohnen. Die Maschinen geben die Menschenzucht nicht auf, und der Erlöser Neo ist samt seiner Braut tot. Hoffnung gibt es wieder nur in der Matrix: Dort strahlt die Bilderbuch-Sonne von virtuellen Himmel und das Orakel orakelt was von der Wiederkehr der Erlöser.
Also, was bleibt dem Zuschauer? Die reale Welt ist blöde und in den Händen von Mächten, die uns zwar brauche, die uns aber dennoch in der Hand haben? Hoffnung gibt es nur im Irrealen, unter Drogen? Aber natürlich muss ein unterhaltender SciFi-Film nicht notwendigerweise eine Aussage für das reale Leben der Zuschauer haben, wirklich nicht. Denken wir mal drüber nach, was diese Lösung uns erspart:
Eine einfache Lösung setzen die Regisseure dem Publikum nicht vor, nichts griffiges, kein Aha-Erlebnis. Andererseits können wir froh sein, dass es keine einfache Auflösung gibt. Wie wenig bleibt doch von den Filmen zurück, an dessen Ende einfach noch eine Realitätsebene eingezogen wird, sei es durch Träume oder wie bei David Cronenbergs eXistenZ (darüber gibts was bei Telepoliswww, epilog.dewww oder aus der Weltwww) durch die Erkenntnis, das der gesamte Film ein Spiel war. Diese Filme hinterlassen eine diffuse Unsicherheit gegenüber der Wirklichkeit. Die Matrix beginnt da, wo diese Filme aufhören, sie spinnt diese Idee weiter. Schon im Titel verrät der Film, dass es um den Verlust der Wirklichkeit geht. Doch statt plump mit verschiedenen Realitätsebenen zu spielen, versuchen die Wachowski-Brüder immerhin, eine Lösung zu finden und eine interessante Story zu entwickeln.

Auch ein Happy-End bleibt uns erspart. Wie sehr hätten wir über die Einfallslosigkeit eines Endes gejammert, bei dem einfach die paar Menschen aus der stinkenden Stadt alle Maschinen vernichten, alle Zucht-Menschen befreien und die Erde neu aufbauen? So enden 20 Prozent aller Enterprise-Folgen, insbesondere die mit den Borg, da braucht man 45 Minuten und zwei Wochen Drehzeit für und keine drei Filme mit einer Produktionszeit von mehreren Jahren.
Ein 'Legalize-it'-Ende, bei dem alle Menschen einfach in der Matrix bleiben und sie nur umprogrammieren oder sonstwie ihren Bedürfnissen anpassen, ist zum Glück derzeit nicht in Mode. Zudem kam die Idee der Existenzen, die sich mit der Matrix arrangieren, in den drei Teilen ja mehrfach vor. Konnte als Lösung also auch nicht dienen.
So gesehen gefällt mir der Schluss schon einigermaßen. Den Machern wird wohl vor allem dran gefallen, dass er einen Anschlusspunkt für weitere Teile bietet, und zwar mit einem anderen, billigeren Hauptdarsteller... Oder entsteht gar eine Fernsehserie wie nach The Crow oder Stargate?
Bevor ich mich als Matrix-Versteher oute: Meinen Frieden mit der Matrix habe ich in obiger Lösung gefunden, doch die ergibt sich kaum aus dem Film selbst. Der dritte Teil überbetont Action-Szenen und bedeutungsschwangere Dialoge, die jedoch in andere Richtungen führen und ganz andere Aspekte beleuchten. Was Revolutions als vordergründige Lösung präsentiert, ist kaum mehr als ein großes Fragezeichen mit vielen kleinen Enttäuschungen. Ich werde mir alle drei Folgen in ein paar Jahren im Fernsehen nochmal ansehen und schauen, ob sich mir dann mehr erschließt.
Die offizielle Page ist hierwww, die Fotos habe ich von dort kopiert.